Bayerischer Landtag
Faten Mukarker schilderte bewegend aus ihrem Alltag als palästinensische Christin in Bethlehem.
Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor kämpft immer noch gegen Vorurteile im Alltag.
„Die Betreuung von minderjährigen Flüchtlingen ist eine Weltreise daheim", sagte Flüchtlingshelferin Judith Aßländer.

„Wir lassen starke Frauen zu Wort kommen“ – Veranstaltung anlässlich des Internationalen Frauentages

Verena Osgyan, Dr. Ute Eiling-Hütig, Eva Gottstein, Barbara Stamm, Dr. Simone Strohmayr, Lamya Kaddor, Judith Aßländer, Özlem Sarikaya.

Mittwoch, 25. März 2015
– Von Zoran Gojic –

Es wurde ein langer und sehr unterhaltsamer Abend, obwohl das Thema ernst war: das Ringen um Frieden, der mühsame Kampf gegen Hass, Vorurteile und Mauern im Kopf. Landtagspräsidentin Barbara Stamm und die frauenpolitischen Sprecherinnen der Fraktionen hatten zu der Veranstaltung „…starke Frauen für den Frieden“ geladen und rund 400 Gäste waren der Einladung gefolgt.

Zunächst schilderte die palästinensische Friedensaktivistin Faten Mukarker in einem bewegenden Vortrag ihre persönlichen Erfahrungen aus dem Alltag in Bethlehem und dem Leben als Frau im Nahen Osten. Vor allem die mittlerweile verschwindend kleine Minderheit der christlichen Palästinenser sieht kaum noch Perspektiven in einem zerrissenen, geteilten und von Krisen geschüttelten Land. „Wer gehen kann, geht. Und wer nicht gehen kann, träumt davon gehen zu können.“ Frieden sei möglich, auch im Nahen Osten, davon ist Mukarker überzeugt. Ihrer Meinung nach müsse bei den Kindern angefangen werden.

„Im Land der Wunder muss man an Wunder glauben“

Ihr Sohn, so erzählt sie amüsiert, sei nach einem zehntägigen Camping-Ausflug, an dem sowohl jüdische als auch arabische Kinder teilnahmen, völlig erstaunt nachhause gekommen. „Die sind ja genau wie wir“, habe er verblüfft festgestellt. Sie wisse, dass Deutschland eine besondere Beziehung zu Israel habe, sagte Mukarker, die in Deutschland aufgewachsen ist. Aber gerade die jüngere deutsche Geschichte zeige, dass Verletzungen der Menschenrechte nie hingenommen werden dürften, egal wo sie geschehen und wer dafür verantwortlich ist. Mukarker glaubt daran, dass eines Tages Palästinenser und Israelis in ihren Staaten friedlich als Nachbarn leben werden. „Wer im Land der Wunder lebt, hat die Verpflichtung an Wunder zu glauben.“

„Salafisten suchen gezielt nach orientierungslosen jungen Muslimen“

In der folgenden Gesprächsrunde berichtete die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor über ihren Einsatz für Toleranz und Verständnis. Als deutsche Muslimin ist sie in der eigenartigen Situation sowohl den Hass von Salafisten als auch von Neonazis auf sich zu ziehen. Besonders befremdlich findet Kaddor dabei, dass dabei ausgerechnet Frauen besonders gehässig sein können. Allerdings, darauf legt Kaddor Wert: „Es gibt auch viele positive Reaktionen nach Veranstaltungen. Aber so sehr sie sich seit Jahren für einen Dialog zwischen Muslimen und Deutschen einsetze, so wenig komme sie gegen bestimmte festgelegte Meinungen an. „Es ist fast unmöglich deutsch und muslimisch zu sein“, sagte Kaddor und warnte davor, muslimische Jugendliche mit ihrer Frustration und dem Gefühl nirgends dazu zu gehören, alleine zu lassen. „Die Salafisten suchen ganz gezielt nach solchen Jugendlichen und manchmal ist einer in nur drei Monaten komplett radikalisiert. Und die Eltern merken es oft gar nicht oder zu spät“, erklärte Kaddor. Immerhin wachse nun auch unter muslimischen Eltern die Sensibilität. „Niemand will morgens einen Abschiedsbrief finden, in dem der Sohn sich wünscht, bald in Syrien als Märtyrer zu sterben“, ist Kaddor überzeugt. Als Moderatorin Özlem Sarikaya fragte, wie sie die Menschen sehe, die aus Angst vor dem Islam bei Pegida mitmarschieren, wurde Kaddor grundsätzlich. „Man muss Sorgen immer ernst nehmen. Aber in unserer Gesellschaft gibt es viele Möglichkeiten, seine Sorgen zu artikulieren und in den politischen Diskurs einzubringen. Neonazis hinterherzulaufen und dumpfe Parolen zu grölen, dafür habe ich kein Verständnis“, stellte Kaddor klar.

„Weltreise daheim“

Die Flüchtlingshelferin Judith Aßländer appellierte daran, die vielen minderjährigen, oft traumatisierten Flüchtlinge in Deutschland nicht sich selbst zu überlassen. Sie und ihre Familie nehmen immer wieder vier jugendliche Flüchtlinge für die ersten drei Monate in Deutschland auf; und sie habe die Erfahrung gemacht, dass großes Potential in den jungen Menschen stecke. „Unsere Familie empfindet die Situation als Bereicherung. Man lernt unendlich viel über andere Kulturen“, so Aßländer. „Eine Weltreise daheim“, fasste das Moderatorin Sarikaya zusammen. Man dürfe die jungen Menschen nicht jahrelang ohne Deutschunterricht oder sinnvoller Arbeit nur in Flüchtlingslagern verwahren. „Nach fünf Jahren Nichtstun sind die völlig am Ende. Und wir brauchen doch junge Leute, die arbeiten wollen“, so Aßländer. Faten Mukarker bestätigte das: „Ohne Sprache kann man keinen Einblick in eine andere Kultur nehmen.“ Lamya Kaddor illustrierte das mit einem anschaulichen Vergleich. „Das war der große Denkfehler bei der ersten Generation der sogenannten Gastarbeiter. Die mussten die Sprache nicht lernen, weil sie ja wieder gehen würden. Aber sie sind geblieben“, erinnerte Kaddor.

„Wir brauchen mehr Kreativität“

Judith Aßländer appellierte an die Politik, offener und kreativer mit der Situation der Flüchtlinge umzugehen. „Zuwanderung ist auch für uns wichtig. Wir müssen das gemeinsam lösen“, sagte Aßländer. Kaddor wies darauf hin, dass Vielfalt eine Chance sei. In ihrer ethnisch und religiös bunt gemischten Familie lerne man ständig Neues und die Kinder seien ohnehin begeistert: „Bei uns wird alle sechs Wochen irgendein Fest gefeiert, das finden die großartig. Wir sind ein Einwanderungsland, das muss uns bewusst werden. Vielfalt ist unsere Zukunft“, sagte die Tochter syrischer Eltern, die mit einem Deutschen verheiratet ist und ihre Kinder bewusst in einen jüdischen Kindergarten geschickt hat. Religion sei kein Alibi für Intoleranz oder gar Hass fand auch Faten Mukarker: „Wahre Religion ist die Art, wie Du den Menschen behandelst, der Dir gegenüber steht.“

Neue Veranstaltungsreihe

Gemeinsam mit den frauenpolitischen Sprecherinnen der Fraktionen, Dr. Ute Eiling-Hütig, Dr. Simone Strohmayr, Eva Gottstein und Verena Osgyan startet mit dieser Veranstaltung die Reihe „Starke Frauen für eine bessere Welt“. Es handelt sich um ein fraktionsübergreifendes Projekt, das jedes Jahr mit einem anderen Themen-Schwerpunkt im Bayerischen Landtag stattfinden wird. „Wir haben in der Vorbereitung gemerkt, dass es so viele starke Frauen in den unterschiedlichen Bereichen gibt. Und wir wollen möglichst viele hier im Landtag zu Wort kommen lassen“, erklärte die Landtagspräsidentin.


Die neue Veranstaltungsreihe begann mit einer Vernissage: Landtagspräsidentin Barbara Stamm eröffnete zusammen mit den frauenpolitischen Sprecherinnen der Fraktionen die Ausstellung „Schutzschilde“

Von nun an sollen sich jedes Jahr „Starke Frauen“ im Senatssaal zur Diskussion treffen.
Die frauenpolitischen Sprecherinnen der Fraktionen hatten gemeinsam mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm zu der Veranstaltung geladen.
Für die Musik sorgten die „Drei Damen“.

Stimmen der frauenpolitischen Sprecherinnen zur neuen Veranstaltungsreihe

Ute Eiling-Hütig (CSU): „Der Vortrag von Agata Norek zu ihrer Ausstellung „Schutzschilde“ und ihre Kunstwerke, mit denen sie die vielen Gesichter und unterschiedlichen Ausprägungen von Gewalt gegen Frauen sichtbar macht, haben mich sehr bewegt. Auch Faten Mukarker hat in einer Art und Weise von ihrem Leben in Bethlehem berichtet, die regelrecht Bilder im Kopf entstehen ließ. Die Friedensaktivistin und palästinensische Christin hat eine unglaublich überzeugende Art zu erzählen. Auch „zwischen den Zeilen“ kamen viele interessante Informationen bei den Zuhörerinnen und Zuhörern an. Insgesamt stieß die Veranstaltung mit über 500 Gästen auf eine starke und breite Resonanz – weit über den Kreis der zu erwartenden Teilnahme von Verbänden und Institutionen hinaus. Damit wurden Sinn und Zweck der neuen Veranstaltungsreihe anlässlich des Weltfrauentages zu 100 Prozent erfüllt. Wir haben viele Menschen erreicht – ich bin begeistert!“

Dr. Simone Strohmayr (SPD): „Es war eine Veranstaltung, die schön vor Augen geführt hat, dass wir den Dialog suchen müssen, wenn wir den Frieden sichern bzw. herstellen wollen. Im Dialog lernt man voneinander und baut Vorurteile ab. Mich haben die einzelnen Biografien der Frauen sehr beeindruckt. Jede einzelne geht ihren ganz eigenen Weg, verfügt über persönliche Erfahrungen, besitzt Einfühlungsvermögen in andere Menschen. Als Friedensbotschafterinnen sind Frauen unabdingbar. Mein persönliches Fazit aus der Veranstaltung: Ich wünsche mir, dass die Offenheit, wie sie diese Frauen und viele andere Menschen vorleben, auch politisch bei uns im Freistaat in eine Willkommenskultur mündet. Dabei müssen wir die Bereitschaft haben, auf die Menschen ohne Scheuklappen zuzugehen. Menschen, die Zuflucht bei uns suchen, bzw. Einwanderer sind für uns eine Chance. Damit sie aber bei uns ihr ganzes Potential entfalten können, müssen wir dafür Sorgen tragen, dass sie unsere Sprache lernen können und Zugang zu unserem Bildungssystem haben. Denn Bildung ist die beste Friedensstrategie.“

Verena Osgyan (Bündnis 90/Die Grünen): „Das Austellungsfoyer und der Senatssaal platze schier aus allen Nähten, und die Mitwirkenden, allen voran Dr. Agata Norek, Faten Mukarker, Lama Kaddor und Judith Aßländer haben einen vielfältigen und facettenreichen Blick darauf werfen können, wie wir entgegen gängiger Klischees Gewalt und Intoleranz mit Kultur, Dialog und Humor begegnen können. Wir haben in Bayern ja das unglaubliche Privileg, seit 70 Jahren in Frieden und Demokratie leben zu dürfen und stehen daher auch in der Verantwortung, Migrationen und Flüchtlingen, gerade auch weiblichen die zu uns kommen, gute Startchancen zu bieten, und Bedrohungen für unsere Meinungsfreiheit mit mehr Offenheit und Diskurs zu begegnen anstatt Ressentiments zu schüren. Ich glaube, dass gerade uns Frauen dabei eine besonders wichtige Rolle zukommt und möchte Frauen ermutigen, sich aktiv einzumischen; Denn eine friedliche und gerechte Welt geht nur fifty-fifty. Die große Resonanz auf unsere überfraktionelle Veranstaltung hat mich dabei sehr ermutigt."


 

 

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